Verschwunden

Sonntag, es ist ziemlich spät. Wir sitzen zusammen im Wohnzimmer und quatschen. Wir sind meine Mutter, mein Bruder und ich.

Wir sprechen über die vergangene Woche, was geschehen war, wie es uns geht. Wir reden über unserer Erinnerungen von dir. Wir sind ruhig und doch angespannt. Bis plötzlich das Handy von Mama klingelt. Es ist deine ehemalige Lebensgefährtin. Die Mutter deines Sohns.

Wir standen die letzte Woche regelmäßig im Kontakt mit ihr. Seitdem du plötzlich verschwunden warst, am 30. März. Irgendwann an diesem Tag bist du los, hast die Meerschweinchen von deinem Sohn eingepackt, hast ihm einen Brief hinterlassen und bist verschwunden. Spurlos. Einfach weg.

In einer Stadt wie Berlin kann man einfach verschwinden. Man geht unter in den vielen fremden Gesichtern. Man fällt nicht auf.

Dein Verschwinden wird der Polizei gemeldet, doch die können nichts machen. In deinem Brief hast du nichts angekündigt, was auf Lebensgefahr schließt. Du warst einfach nur weg. Ein erwachsener Mensch darf einfach weg sein, wenn er das möchte.

Uns waren die Hände gebunden. Wir sassen 400 km entfernt. Ich bastelte einen Flyer, dass du gesucht wirst. Damals war Facebook noch kein Thema, also versuchte ich Mailadressen rauszufinden, von öffentlichen Einrichtungen, von Förstern, von Radiosendern. Alle habe ich angemailt mit der Bitte den Flyer auszuhängen. Irgendwer muss dich doch gesehen haben. Oder vielleicht siehst du selber den Flyer und meldest dich bei uns.

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben.

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In der letzten Nacht warst du uns allen im Traum erschienen. Was ungewöhnlich war, denn unsere Nächte waren die letzten Tage traumlos. In meinem Traum bin ich mit dem Fahrrad durch einen Wald gefahren, als ich zurückblickte sah ich dich im Wald stehen. Du hast mir zugewunken und bist im Wald verschwunden.

Der Klingelton von Mamas Handy ertönte, „Warum bin ich so fröhlich?“. Sie ging mit dem Handy in die Küche.

Mein Bruder und ich wurden nervös. Plötzlich hörten wir Mama immer wieder „Nein!“ sagen. Immer wieder. Sie fragte „Wo?“ und „Wann?“. Ich rannte ihr nach in die Küche, mein Bruder folgte mir.

Mama schaute uns an, ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. Sie sprach weiter mit deiner ehemaligen Lebensgefährtin und starrte uns an. Sie schüttelte den Kopf.

Ein gellender Schrei durchbrach unser Schweigen. Unsere Mama brach in meinen Armen zusammen. Sie schrie und weinte, so wie ich es noch nie erlebt hatte.

Du wurdest gefunden, am Sonntag morgen. Du hast dir das Leben genommen, mit einem Strick am Waldesrand. Bei deinen Sachen lag ein Zettel, zur Info wer kontaktiert werden soll wenn du gefunden wirst. Die Meerschweinchen wurden nicht gefunden.

 

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